VAPORS

EINE HOMMAGE AN ANDY MILLIGAN

VAPORS (US 1965, Andy Milligan) Kurzfilm

Als wir den Kultregisseur Bruce LaBruce baten, uns ein paar Gedanken zum Thema der diesjährigen Retrospektive mitzuteilen, beschenkte er uns großzügig mit einer detaillierten Hommage an den Filmemacher Andy Milligan – eine Muss-Lektüre, die in ihrer ungekürzten Pracht auf Englisch nachzulesen ist. Der folgende Ausschnitt wirft einen Blick auf den kürzesten Film in unserem Grindhouse-Line-up – und darüber kann man gar nicht genug wissen!

Der Film, für den Andy Milligans wohl am besten bekannt ist, ist sein erster: Vapors (1965), ein dreißigminütiges Schwarz-Weiß-Opus auf 16 mm und ohne Zweifel die authentischste und pointierteste Darstellung der Schwulensaunaszene, die je auf Zelluloid gebannt wurde – trotz oder vielleicht gerade wegen der Tatsache, dass sie aus der Feder einer Frau stammt. (Die Autorin Hope Stansbury war eine bekannte Off-Off-Broadway-Schauspielerin, die die Drehbücher zu einer Handvoll von Milligans Filmen schrieb und zufälligerweise für kurze Zeit Mitbewohnerin des Warhol-Superstars Candy Darling war.) Die Szene spielt an einem Freitagabend in den berüchtigten St. Marks Baths; das improvisierte Set ist kahl und klaustrophobisch – verstärkt durch Milligans Markenzeichen, die gedrängten Bildkompositionen und extremen Nahaufnahmen, mit denen er die No-Budget-Engpässe kaschierte. Die Schauspieler sind dabei gelegentlich so eng im Bildausschnitt zusammengepfercht, dass die Inszenierung manchmal ungewollt an die eines Ingmar-Bergman-Films erinnert.

Der Film ist im Wesentlichen ein Akt für zwei Personen, sozusagen: ein in einer Kabine stattfindendes Gespräch zwischen Mr. Jaffee, einem Mann mittleren Alters, und dem jüngeren Thomas. Die Konversation wird immer wieder von einer Schar tuntiger Gäste unterbrochen.

Haben Sie schon mal erlebt, wie frustrierend es ist, wenn man heißen Sex in einer Badehauskabine haben will, während sich prompt ein paar Tratschtanten-Queens direkt vor die Tür stellen und stundenlang laut schnattern? Dann wissen Sie die Authentizität dieses Films zu schätzen. Die Dialoge sind psychosexuell verstörend und pervers: Mr. Jaffee spricht ausführlich über den Ertrinkungstod seines Sohnes und verrät Thomas, dass dieser ihn an den toten Jungen erinnert. Ebenso verstörend ist die Szene, in der Mr. Jaffee mit Thomas’ krummen Zehen „This Little Piggy“ spielt. Nachdem Mr. Jaffee ihn mit einer riesigen, geschmacklosen Plastiksonnenblume als Abschiedsgeschenk verlässt – die Lieblingsblume seines Sohnes –, weint Thomas. Doch schon bald betritt der nächste Gast die Kabine und lässt die Hose runter. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft mir das schon in der Sauna passiert ist!

1965 entstanden, war Vapors seiner Zeit aber sowas von voraus und nahm die köstlich selbsthassende Old-School-Homophobie von Mart Crowleys Stück „The Boys in the Band“ vorweg, das drei Jahre später am Broadway Premiere feierte.


Bruce LaBruce ist der Regisseur so denkwürdiger Filme wie Otto; or, Up with Dead People, L.A. Zombie (SLASH 2010) und The Visitor (SLASH 2024).

Andy Milligans Vapors und sein Langfilm Fleshpot on 42nd Street werden gemeinsam am 25.09., 18:00, im Metro gezeigt.