The Deuce
Ein wuselndes Stückchen Halbhimmel

In der Glanzzeit der Exploitationfilme (1965–85) hatten Fans ihr eigenes Mekka, ihr El Dorado, ihr Halbparadies: eine wild wuchernde Ansammlung von Lichtspielhäusern im hektisch-belebten Stadtviertel um den New Yorker Times Square. Den Hochaltar der Erregung stellte die 42nd Street, die der Volksmund „The Deuce“ nannte.
In seiner Blütezeit, den 1970er-Jahren, beherbergte The Deuce fünfzehn große Kinos zwischen 7th und 8th Avenue: auf der Nordseite das Rialto 1 und 2 sowie das Victory, das Lyric, das Times Square, das Apollo, das Selwyn und das Harem; südseitig das Anco, das Empire, das Liberty, das Harris, das Cine 42, das New Amsterdam und das Roxy. Im benachbarten Häuserblock zwischen 6th und 7th Avenue gab es noch mehr: das Bryant (Stammplatz für Sexploitation der Marke Andy Milligan), das Avon (für 16-mm-Loops) und das Pix (dessen Pornoprogramm sowohl am Hetero- als auch am Schwulenufer fischte). Die größten Kinos am Deuce waren das New Amsterdam (2500 Sitzplätze), das Lyric (1250), das Harris (1200) und das Times Square (1000). Allesamt zwischen 1900 und 1920 als „salonfähige“ Filmpaläste errichtet, hatten sie einst durchaus prunkvolle Zeiten erlebt. Einige hatten ihren Glanz bis in die 1970er bewahrt, bei anderen ging es trotz Riesenleinwänden und voluminösen Balkonen rapide bergab. Und was die Herrentoiletten betraf – Vorsicht! Einmal gerochen, niemals vergessen!
Einen Katzensprung entfernt lag der berühmte Times Square, wo Erstaufführungen in Prestigekinos wie dem Loew’s State, dem Victoria, dem National und dem Criterion liefen. Schlenderte man die 7th Avenue nordwärts hinauf, stieß man irgendwann auf das Cinerama 1 und 2, eine beliebte Adresse für Horrorfilme, sowie auf das Doll, ein Sexkino, das in Lucio Fulcis berüchtigtem New York Ripper zu bewundern ist. Wer dann am anderen Ende des Deuce von der 42nd Street auf die 8th Avenue bog, fand sich auf dem Minnesota Strip wieder, einer Hauptverkehrsader für Sexshops (Show World), Massagesalons (Delicate Touch), Stripclubs (Hungry Hilda’s Topless Bar, das Psychedelic Burlesk Funhouse) und ein Grüppchen Pornokinos: das Eros 1 & 2, das Capri, das Adonis und das Cameo.
Kein einziges Haus war explizit auf Horrorfilme spezialisiert; das Cine 42 und das New Amsterdam kamen dem zwar nahe, aber im Allgemeinen sprangen die Horrorstreifen quer durch alle verfügbaren Kinos. 1980 etwa liefen Fade to Black im Lyric, The Hearse im Selwyn, The Shining im Criterion, Don’t Go in the House, The Boogey-Man und The Brood im New Amsterdam, Zombie, Bloodeaters, Night of the Demon, Schizoid, Cathy’s Curse und Silent Scream im Cine 42 sowie Humanoids from the Deep, The Fog und Phantasm im Liberty.
Für schlüpfrigere Kost reisen wir zurück ins Jahr 1975: Armand Westons brutaler Horrorporno Defiance! im Cameo; Lee Frosts mitreißender Bad-Cop-Porno A Climax of Blue Power im Circus am Broadway, Radley Metzgers durchdacht-geistreicher Naked Came the Stranger im World auf der 49th Street, Wes Cravens geheimer Porno The Fireworks Woman und Howard Ziehms feucht-fröhlicher Sexteen im Cine Lido auf der 48th Street sowie die zwei ultra-obskuren Streifen Wet, Wild and Weird und Sandra’s Magic Fingers im Hudson auf der 43rd Street, Rik Tazíners Mod De Sade im Gaiety auf der 46th Street, Tom DeSimones spritziger Sons of Satan im Park-Miller auf der 7th Avenue und der atemberaubende, übernatürliche Sex Demon im neu eröffneten Ramrod auf der 49th Street.
Mal abgesehen von Sex und Horror entfiel der mit Abstand größte Anteil des Programms am Deuce auf „Tough Guy“-Filme: Martial Arts, knallhart-dümmliche Action, einzelkämpferische Polizisten, einsame Rächer, Krieg, Blaxploitation, Bandenkriminalität – kurz: alles, wo Männer sich gegenseitig die Scheiße aus dem Leib prügeln: Big Zapper, Black Gunn, The Gauntlet, Dolemite, Fists of Fury, Death Wish, Willie Dynamite, Streetfighter’s Last Revenge. Harte Kerle wie Fred Williamson, Burt Reynolds, Charles Bronson, Clint Eastwood oder Chuck Norris ließen die Herzen aller Deuce-Frequentierer:innen höher schlagen.
In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren schwor der damalige New Yorker Bürgermeister Ed Koch, Times Square und The Deuce „aufzuräumen“, mit dem Argument, die Gegend sei zu schmuddelig, dreckig und gefährlich. Koch, der das Bürgermeisteramt 1989 verlor, konnte die groß angekündigten „Aufräumarbeiten“ nie in die Tat umsetzen, aber das Publikum auf dem Deuce war ohnehin im Schwinden begriffen, und zwar dank dreier tödlicher Faktoren: Videotheken, AIDS und die Crack-„Epidemie“. 1990 war The Deuce bereits ein trostloser, gefährlicher Ort geworden: Viele Kinos hatten ihre Läden dichtgemacht, und durch die grassierende Straßenkriminalität war ein Besuch bei den wenigen Lokalitäten, die die Stellung hielten, zu riskant geworden. Mitte der 1990er übernahmen Entertainment- und Einzelhandelsgiganten – allen voran Disney – die gesamte Gegend um den Times Square bzw. die 42nd Street. Auf dem Zenit des Schmuddels hatte ein Trailer für Joel M. Reeds Folter-Terror-Streifen Bloodsucking Freaks voller Stolz verkündet, der Film sei „etwas, bei dem jedem übel werden muss!“ Nach 25 Jahren ekelerregender Leere der Kategorie Frozen, The Lion King und Aladdin scheint es, als habe der Mainstream Reed nun endlich mit den eigenen Waffen geschlagen.
Stephen Thrower ist ein britischer Musiker (Coil, Cyclobe, UnicaZürn) und Autor von solch wegweisenden Werken der Filmgeschichte und -kritik wie „Beyond Terror: The Films of Lucio Fulci“ und „Nightmare USA: The Untold Story of the Exploitation Independents“.