SUPER CINEMA

HANDMADE, LIVE-DUBBED

In Wakaliwood fliegen Hubschrauber aus Altmetall, Kunstblut spritzt mit Angelschnurhilfe, und ein Video Joker redet den Film erst recht in Fahrt. Wer Kino für eine Frage des Budgets hält, sollte sich warm anziehen.

Seit 2005 wächst in Wakaliga, Kampala, ein filmisches Ökosystem, dessen Name Bollywood und Nollywood nicht ehrfürchtig zitiert, sondern mit handgemachter Wucht ergänzt. Ultra-Low-Budget bezeichnet hier keine ästhetische Kategorie, sondern die materiellen Bedingungen, unter denen Gründer und Regisseur Nabwana I.G.G. Ramon Film Productions aus Actionbegeisterung und Nachbar:innenschaft formte. Gearbeitet wird ohne festgezurrte Abteilungsgrenzen. Auf Möglichkeiten wurde dabei nicht gewartet. Sie wurden hergestellt.

Nabwanas Begeisterung für Actionkino begann mit Erzählungen. Sein Bruder Robert berichtete ihm von Filmen und Stars wie Bruce Lee, Chuck Norris, Arnold Schwarzenegger oder Jet Li und spielte nach den Kinobesuchen deren Actionszenen nach. Nabwana machte sich die weitererzählten Bilder zu eigen und entwickelte aus nachgespielten Kämpfen eine kollektive Praxis. Nach ersten Musikvideos machte er das Kino, auf das er nicht länger warten wollte, kurzerhand selbst. Action wurde dabei nicht nur zum Genre, sondern zum Produktionsprinzip: machen, weitergeben, alle in Bewegung setzen. 

Getragen wird diese Arbeitsweise von radikalem Einfallsreichtum und durchlässigen Zuständigkeiten. Gedreht wird im Viertel, gespielt von Familie, Freund:innen und einer Community aus ganz Uganda. Wer heute vorhandene Materialien zur Filmwaffe oder zum „Supa Choppa“ upcycelt, kann morgen eine Kampfszene choreografieren oder vor die Kamera treten. Expertise liegt hier selten in nur einer Hand und fast nie nur in einem Fach.

Nabwana schreibt, dreht, schneidet und erzeugt digitale Effekte. Harriet Nabwana verantwortet das Make-up und bevorzugt, glücklicherweise fürs Genrekino, Zombies gegenüber Beauty. Requisiten entstehen aus Metallrohren, Bratpfannen, Motorradteilen und allem, was nur darauf lauert, filmisch zum Leben erweckt zu werden. Aus Haushaltsgegenständen werden Raketenwerfer; mit roter Farbe gefüllte Kondome verwandeln sich in explodierende Einschusswunden. Der „Supa Choppa“ ist kein im Branchenhandel bestellbares Modell; der Hubschrauber wird selbst nachgebaut. Gedreht wurde, wenn auf den Festplatten gerade genügend Speicherplatz vorhanden war.

Kampfkünste werden autodidaktisch erlernt, geprobt und weitergegeben. Einige aus Familie, Freund:innenkreis und Community, die von klein auf mitwirkten, sind heute teils selbst Filmschaffende; mit den „Waka Stars“ arbeitet bereits die nächste Generation. Nach zwanzig Jahren darf gefeiert werden: Aus einem Studio wurde eine Schule des gemeinsamen Machens.

Wakaliwood ist deshalb weder als kostengünstige Reproduktion eines bereits vorhandenen Industriemodells noch ausschließlich als Sozialprojekt zu begreifen. Seine Filme wollen ihr Publikum erreichen, zuerst in Uganda, inzwischen weit darüber hinaus. DVDs, lokale Vorführungen, YouTube, Blu-ray und internationale Festivals bilden keine saubere Verwertungskette, sondern ein bewegliches Netz. Darin zirkulieren Filme, Arbeitsweisen, Witze und Erwartungen. Wer nicht den industriellen Normen von Bildglätte, Budgethöhe und sprachlicher Standardisierung entspricht, wird vom Markt leicht übersehen. Wo Kinokultur auszudünnen droht, bringt Wakaliwood mehr Kino in Zirkulation.

Who Killed Captain Alex? (2010), Bad Black (2016) und Crazy World (2019) verbinden Kung-Fu, Mafia, Verschwörung, Horror und Komödie. Die Handlung kann abbiegen, während noch geschossen wird. Der „Supa Choppa“ fliegt wirkungsvoll ein, gerade weil seine Herstellungsweise sichtbar bleiben darf. Die Nähte zwischen Greenscreen, Körper, Soundeffekt und digitaler Explosion bewahren die Spuren des Herstellens. Wakaliwoods Filme dokumentieren, während sie erzählen, immer auch ihre eigene Entstehung: Kino als Produktion in Aktion.

Kein dezidiert politisches Kino, doch politische Verhältnisse bekommen ihren pointierten Seitenhieb ab. Waffenhandel, Mafia-Netzwerke und mysteriöse Vermisstenfälle treffen auf Spott über staatliche Autorität, soziale Ungleichheit und jene Herausforderungen, gegen die sich das tägliche Leben behaupten muss. Dieser Spott ist belustigt und subversiv zugleich. Er macht aus gelebter Erfahrung keine Elendsoper für das internationale Betroffenheitsparkett, sondern eine lokal verankerte Form komischer Selbstbehauptung. 

Gerade darin liegt die ästhetische Geschicklichkeit dieser Filme. Sie verbergen ihre Mittel nicht, sondern dehnen einen materiell eng gesetzten Möglichkeitsraum ins nahezu Unbegrenzte: Improvisation wird Struktur, Mehrfacharbeit wird zu gemeinschaftlicher Autor:innenschaft. Das Bild wackelt, aber die Idee trifft. Meist in lokalen Sprachen gedreht, versteht Wakaliwood Action als eine für alle verständliche Filmsprache und spricht sie mit lokalem Akzent, mörderischem Timing und globaler Reichweite.

Wakaliwood entsteht dabei nicht nur am Set, sondern im Live Dubbing vor Publikum aufs Neue: durch den Video Joker. Die Praxis entstand in Ugandas Video Halls, wo Filme ohne lokale Synchronfassung nicht einfach abgespielt, sondern live weitererzählt wurden. Dabei übersetzt der VJ nicht einfach Dialoge, sondern erzählt, kommentiert, verspottet und erklärt, ohne je mit seinen Witzen stillzustehen. Seine Stimme begleitet den Film nahezu durchgehend. Die Witze setzen nicht zwischen den Szenen ein, sondern laufen mitten durch Dialoge, Schüsse und Explosionen. Figuren erhalten neue Stimmen, Szenen neue Bedeutungen, der Film ein zweites Drehbuch in Echtzeit.

Griot, Stimmenensemble, Sportreporter, Dramaturg: ein multipler Klangkörper, viele Rollen, eine Stimme, nonstop in Aktion. Der Video Joker vermittelt zwischen Sprachen und kulturellen Bezugssystemen, ohne das Gezeigte bloß zu erklären. Mit lokalen Namen, Anspielungen und treffsicheren Alltagskommentaren holt er den Film in die unmittelbare Gegenwart seines Publikums. Kino wird dadurch keine versiegelte Ware, sondern ein soziales Ereignis, das zwischen Leinwand, Performance und Publikum immer neu entsteht.

VJ Emmy macht diese vielstimmige Praxis des Live Dubbings durch seine Zusammenarbeit mit Wakaliwood weit über Uganda hinaus hörbar. Sein Kommentar vermittelt zwischen Handlung, Leinwand und Publikum: Er wirbt für den Film, erklärt ihn, fällt ihm ins Wort und feuert ihn an. Selbstlob inklusive. Beim SLASH begleitet er Nabwana I. G. G.s Eaten Alive in Uganda (2026) live vom Laptop: Vermisster Bruder, tödliche Beschwörungen, Tote in Bewegung. Aus Filmwaffe wird Wirkung, aus Live Dubbing Widerhall. Ein Film also, der dringend jemanden braucht, der hineinredet. Oder zehn. VJ Emmy übernimmt sie alle.


Doris Posch (SE/AT) ist Film- und Kulturwissenschafterin und Kuratorin. Mitgründerin des Kurator:innenkollektivs CineCollective und bis 2023 Co-Leiterin des Open-Air-Filmfests Kaleidoskop in Wien.