Die Schrecken der Existenz bändigen

Die wilde Welt des Joe Coleman

Es begann seinerzeit mit dem Anruf eines Journalistenkollegen. „Du, der Joe Coleman kommt nach Wien, ich habe zugesagt, mich um ihn zu kümmern, aber jetzt bin ich leider verhindert. Magst du das nicht übernehmen?“

Damals, Mitte der 1990er, hatte ich fasziniert einiges über diesen amerikanischen Künstler gelesen, in Publikationen, die sich mit popkulturellen Outlaws befassten. Mr. Coleman übertraf etliche der literarischen, musikalischen und ganzkörpergepiercten Durchgeknallten, die durch diese Medien geisterten. Als Maler detaillierter Mikrokosmen zwischen Sex, Gewalt und Fegefeuer, als scharfzüngiger Theoretiker, als aktionistischer Prä-Punk, der die Grenzen zwischen Kunst und Kriminalität auf selbstgefährdende Weise verwischte, wirkte er wie von einem anderen Planeten.

„Ja”, sagte ich, „natürlich übernehme ich das.” 

Gleichzeitig packte mich eine kleine Panik. Ich hatte zugesagt, mit einem erklärten Serienkiller-Fan und hochkomplizierten Eigenbrötler zwei Tage in Wien zu verbringen und ihm alle Wünsche von den Lippen abzulesen.

Joe Coleman, das kann man gleich verraten, entpuppte sich als charismatische, intelligente Figur mit einem umwerfenden schwarzen Humor. Was ich heute längst als Binsenweisheit weitergebe, wurde mir damals in voller Tragweite bewusst: Je wahnwitziger und transgressiver jemand lebt und vor allem auch denkt, desto souveräner kann er mit dem Schrecken umgehen. Deswegen sind die wahren künstlerischen Rebellen, Bühnenzerstörer und Hardcore-Außenseiter oft besonders nette Menschen. Es ist die biedere Normalität, die den wahren Horror repräsentiert.

Zwischen Sightseeing-Trips in den Narrenturm, den Prater und pathologische Museen redeten wir sehr viel an diesen sonnigen Frühlingstagen. Über die Schönheit von Tumoren und seine gleichzeitige Angst vor Krankheiten referierte Joe, über Verbrechen und Vergebung, über den Krebs seiner Eltern und die Menschheit, die dem Künstler zufolge wie ein Geschwür den Planeten überwuchert. Einige der Gespräche, die ich mit Joe Coleman bei den Spaziergängen durch Wien führte, prägten mich nachhaltig. Und erst recht ein späterer Besuch in seiner damaligen Wohnung in Brooklyn, einem Museum extraordinaire in Sachen Morbidität.

„Ich leide an einem Chaos in meinem Kopf”, meinte Joe damals in seinem Apartment und verwies auf seine pingelig sortierten Regale des Grauens und nicht zuletzt auf seine minutiös gemalten Bilder, „ich brauche kein Chaos in der Realität oder meinen Gemälden mehr.“

Denkt man über diesen Satz länger nach, lässt sich daraus die Historie einer möglichen Gegen-Avantgarde ableiten, eine Geschichte der künstlerischen Einzelgänger:innen und Sonderlinge, die diametral dem puren Formalismus in der Moderne gegenübersteht. Wer ständig darum bemüht ist, dass die Sicherungen im Hirn nicht durchbrennen, braucht keine Abstraktionen und kein Actionpainting, sondern genaue Linien, die den konfusen Geist eingrenzen und in Zaum halten.

Den Schrecken der Existenz sozusagen durch dessen präzise Darstellung zu bändigen, das ist Joe Coleman durch seine Kunst gelungen. Dass der Antrieb nie nachgelassen hat, sich Monate oder manchmal Jahre einem Gemälde zu widmen, verdankt sich wunderbaren Wendungen in seinem Leben. Dank Freunden, Gönnern und Käufern wie Jim Jarmusch, Asia Argento oder Iggy Pop muss sich Joe keine Sorgen mehr um den Haushalt und die Erweiterung seiner horriblen Perversitäten-Sammlung machen.

Vor allem ist da aber die unglaubliche Whitney Ward, die er vor mehr als 25 Jahren geheiratet hat. Die Fotografin, Performerin und Dominatrix blickt wie ihr Ehemann auf eine dunkle Vergangenheit zurück. Für Joe Coleman wurde Whitney zur Lichtgestalt, Heilerin, zur Quelle der Inspiration und Motivation. How Dark My Love von Scott Gracheff erzählt von der einzigartigen Liebesbeziehung des exzentrischen Paars. Eine bisweilen schmerzhafte und kontroverse Dokumentation, die das Widerständige und Gegensätzliche feiert. Vor allem beschwört der Film aber eine glühende Romantik. Wenn sich Joe und Whitney darin umarmen, küssen, an den Händen halten, dürfen wir als Publikum von einer kleinen Outsider-Utopie träumen.


Christian Fuchs ist Filmjournalist, Radiomoderator und in der heimischen Musikszene seit langen Jahren mit Projekten wie Fetish 69, Bunny Lake und jüngst als Christian Fetish aktiv.