A Most Thrilling Role Model
Ein Essay zu Christina Lindberg

Quentin Tarantino nannte den schwedischen Exploitationklassiker Thriller: A Cruel Picture den grausamsten Film, den er jemals gesehen habe. Das Motiv der blutigen Rache nach Vergewaltigung nahm er als Inspiration für Kill Bill. Jetzt, wo die beiden Teile von Kill Bill zu einer „whole bloody affair“ zusammengeschnitten wurden, steht auch der Originalfilm mit Christina Lindberg in der Hauptrolle ungekürzt im Rampenlicht!
„Sie sehen sich doch die ungekürzte Version an, oder?“, fragte mich Christina Lindberg, als ich sie zum Screening von Thriller: A Cruel Picture (1973) im Rahmen von SLASH kontaktierte. „So bekommen Sie nämlich ein viel besseres Bild von der Figur.“
Wahrscheinlich gibt es von diesem Film ebenso viele Versionen wie von Blade Runner. Dieser künstlerisch angehauchte Hardcore-Vorläufer des Rape-and-Revenge-Genres wurde für die US-Veröffentlichung durch Roger Cormans American International Pictures um mehr als 20 Minuten gekürzt. Dank des Vertriebs Vinegar Syndrome wurde die 108-minütige Originalfassung jedoch 2022 endlich restauriert.
Lindberg (* 1950) hatte keine Bedenken, für die Erotikfilme, die sie in den 1970ern zu einer Genreikone machten, die Hüllen fallen zu lassen, bestand aber darauf, diese zugleich ernst zu nehmen und als Spiegelbild des Zeitgeists im Hinblick auf Frauenrollen und gesellschaftliche Themen zu betrachten. Während sie all das zu verkörpern schien, was die Frauenbewegung zu demontieren versuchte, wird Lindberg heute tatsächlich als feministisches Vorbild gefeiert, und zwar dank der Kontrolle über ihre Rollen, auf die sie beharrte.
Zu der Zeit, als sie für Thriller gecastet wurde, war sie bereits als Model und Covergirl bekannt und hatte mit Maid in Sweden (1971) und dem Sexploitation-Streifen Exponerad (1971) auch schauspielerisch den Durchbruch geschafft – Letzterer wurde nach seiner Cannes-Premiere sogar in Dutzenden Ländern verboten. Die Filmemacher nutzten diese Tatsache in der anschließenden Werbekampagne eifrig aus und verhalfen Lindberg damit zu noch größerem Ruhm.
Thriller bot ihr die Möglichkeit, „Nuancen in die Rollen zu bringen“, die sie früher verkörpert hatte. Doch wusste sie nicht, dass der Regisseur Bo Arne Vibenius nicht nur künstlerische Ambitionen hatte, sondern auch das Ziel verfolgte, „den kommerziellsten Film aller Zeiten“ zu machen. Entsprechend setzte er sich selbst keine Grenzen, fügte ohne Lindbergs Wissen Hardcore-Penetrationsaufnahmen in den Film ein und machte den Film dadurch zum Skandalerfolg.
Als sich das Softcore-Genre, auch aufgrund solcher Eingriffe, allmählich in Richtung Hardcore verschob, kehrte Lindberg der Filmwelt den Rücken und widmete sich dem Journalismus. Inzwischen ist sie jedoch zur Schauspielerei zurückgekehrt. So war sie etwa im Trauerdrama The Quiet Beekeeper dieses Jahr zu sehen.
Dana Linssen ist eine niederländische Filmkritikerin.