Nicht wenigen gilt Nicolas Winding Refn als einer der aufregendsten und unkonventionellsten Künstler des europäischen Kinos. Sein jüngster Film ist ein brachial-poetischer Fiebertraum, angesiedelt in einem nicht näher benannten Land aus Felsen, Hügeln und Wäldern, in dem ein einäugiger Krieger sich seiner Erleuchtung entgegen schlachtet. /slash filmfestival serviert euch Wikinger auf dem Silbertablett; gemeinsam wollen wir Zeugen sein von einem Phänomen namens Valhalla Rising!

Production Still von Valhalla Rising mit (v.l.n.r.) Mads Mikkelsen, einem Kind mit Axt und Regisseursautor Nicolas Winding Refn; Copyright: Tiberius Film
Kann sich jemand vorstellen, wie es wohl gewesen wäre, wenn Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey gar nie im Kino gewesen wäre? Wenn der visuell überwältigende, konventionelle Logik- und Dramaturgieaufbauten überflügelnde Trip in den Sternenhimmel nur auf DVD erschienen wäre? Um ehrlich zu sein, in der heutigen Produktions- und Vertriebslandschaft wäre dem manischen, besessenen und genialen Stanley vermutlich genau das passiert. Eine gewagte These, die man aber mit der Unsichtbarkeit eines der größten Regisseure des Gegenwartskinos untermauern kann.
Hoffnung Europas
Der Däne Nicolas Winding Refn ist ein Bilderstürmer: das sieht man schon in seinen wilden Pusher-Filmen, einer Trilogie aus harten Unterweltgeschichten, angefüllt mit kleinen Gaunern und großen Gefühlen, die ihre Protagonisten unbedingt ernst nimmt und sich gerade darüber wohltuend absetzt vom „Ich trage dunkle Sonnenbrillen und rede mit lustigem Akzent“ – Pennälerhumor der Marke Guy Ritchie. Man kann sogar sagen, dass Refn eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat bei der Revitalisierung des einst in Europa so erfolgreichen und stilvollen Kriminalfilms, der mittlerweile vor allem in Frankreich, aber auch in Großbritannien und Skandinavien wieder wüste Blüten treibt.
Refn stilisiert bis zum Exzess. In seiner surrealen, mit Pop-Artefakten angereicherten Biografie Bronson zeichnet er den mehrfach Verurteilten Charles Bronson als wild schnaubendes Schlachtross, der über seine Aggressionen „kommuniziert“, zuerst als Amateurboxer, später dann im lustvollen Dauergerangel mit den Gefängniswärtern. Refn arbeitet sich immerzu ab an männlichen Körpern, deren Gewaltpotenzial und Destruktionsfähigkeit.
Reise ins “heilige Land”
Insofern ist sein jüngster Film die logische Fortsetzung seines Werks, gleichzeitig aber auch dessen Höhepunkt. Valhalla Rising verlangt viel von seinen Zuschauern: man muss sich einlassen können und wollen auf den hypnotischen, urwüchsigen Bildersog, den der Däne mit geringem Budget, gedreht back-to-back mit “Bronson” aus den kargen Landschaften heraus inszeniert. Glühendes Rot trifft auf Braun und Silber, wenn sich der Wikingerkrieger One-Eye (gespielt von Mads Mikkelsen) mit roher Gewalt aus seinem Abhängigkeitsverhältnis befreit und sich Kreuzrittern bei der Eroberung des „heiligen Landes“ anschließt.
Valhalla Rising ist ein urkräftiger Film, eine grausame und poetische Reise ins Herz der Finsternis, also direkt in die menschliche Seele hinein. Die Geschichte entfaltet sich über Stimmungen mehr als über herkömmliche Plot-Points: das Ergebnis ist unvergesslich. Das /slash filmfestival packt jedenfalls schon mal die Fellmäntel aus und bereitet sich vor auf die offizielle Österreich-Premiere von Valhalla Rising im September.
Möge Odin uns beistehen!

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